Piwak
Arbeitstitel offen.
Transporterpilot Legger Piwak will eigentlich nur seinen Feierabend, Kantinenfraß und sein neues Mediacenter. Doch als auf seiner gigantischen Hochhaus-Baustelle in Veron-City das Undenkbare geschieht, wird sein Montage-Shuttle von einem unheilvollen Lichtstrahl erwischt. Nach absoluter Schwärze erwacht Piwak in einer lautlosen, unberührten Wildnis. Ohne Netz, ohne Zivilisation und abgeschnitten von seiner vertrauten Welt – aber konfrontiert mit Phänomenen, die alle Gesetze der Physik auf den Kopf stellen.
Piwak
Die Furianer
Kapitel 1
Veron-City: neunzig Millionen Menschen, zusammengepfercht in einem Albtraum aus Beton und Glas. Getränkt in flimmernde Werbe-Holos, die den Himmel im stinkenden Dauersmog vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche in eine bunte, laute Micky-Maus-Welt verwandelten. Ich hasste diese Stadt.
Mein Name ist Legger Piwak. Ich war einst ein Gott. Der Gott der Feuersteine.
Es war natürlich ein Montag, als es passierte. Montag, der 4. August 2064. Ich hasste Montage, und dieser hier war keine Ausnahme. Mein bisheriges Leben verlief bis zu diesem Morgen, sagen wir mal, gemütlich. Es bestand im Wesentlichen aus dröhnenden Baustellen, Kantinenfraß und dem Entertainmentsystem meines Apartments.
Ich war Transporterpilot und Montageleiter bei der Globalbuilding AG. Mein Job war es, vom zentralen Steuerungsraum aus die Schweißdrohnen und die Piloten der Montage-Shuttles zu überwachen, die tonnenschwere Fenster und Fassadenelemente an den Rohbauten anbrachten.
Ich kann nicht behaupten, dass mich meine Arbeit erfüllte. Das war auch nicht der Sinn dahinter. Der Job war gut bezahlt und bis auf diverse Konflikte mit der Gewerkschaft, die mir ständig vorschreiben wollte, wie lange ich zu arbeiten hatte, gar nicht so übel. Damals dachte ich, ich wäre zufrieden.
Als ich an diesem Morgen zum Dienst kam, bereitete mich Vin vom Empfang schon auf hohen Besuch vor. „Oben wartet Dr. Zalakis auf dich“, sagte er anteilnahmslos, als ich in den Lift stieg.
Jackpot. Ausgerechnet Zalakis. Der Boss der Erbsenzähler aus dem Controlling. Zalakis kam aus der Fischereiindustrie, die es damals nicht mehr gab, und war der Schwager eines Investors. Dieser giftige kleine Mann, ein Relikt einer Branche, die sich selbst die Lebensgrundlage entzogen hatte, wollte mir erklären, wie ich meinen Job zu machen hatte. Vom Bauwesen verstand dieser Typ genau so viel wie ich von der Tiefseefischerei.
Kaum hatte ich den Fahrstuhl verlassen, stürmte er mir entgegen und wedelte hysterisch mit einem blauen Kunststoffspeicher herum.
„Piwak!“, schrie er aufgeregt. „34 Prozent!“, rief er immerzu, während er näherkam. „Das ist absolut inakzeptabel! 34 Prozent weichen wir vom Zeitplan ab! Wissen Sie, was der Vorstand mit mir machen wird, wenn wir schon wieder den Übergabetermin verschieben?“
Er baute sich vor mir auf. Ich wollte gerade Luft holen, um etwas zu sagen, doch er schnitt mir das Wort ab.
„In diesem Bericht steht, dass acht Drohnen seit vier Tagen ausgefallen sind. Das ist Ihr Zuständigkeitsbereich!“, dabei wedelte er mit seiner Speicherkarte vor meinem Gesicht herum.
Dann hielt er kurz inne, als erwartete er eine Antwort. Ich war noch nicht ganz wach und suchte nach Worten, doch zwei Sekunden später schrie er bereits weiter:
„Sie, Stuart und Weglav schwingen Ihre Ärsche jetzt sofort in einen Overall, steigen in ein Shuttle und machen das, wofür Sie bezahlt werden.“
Er hob seinen Kopf, sah mir direkt in die Augen und sagte dann leise:
„Oder ich werde das gesamte Personal Ihrer Abteilung austauschen. Und raten Sie mal, mit wem ich anfangen werde. Sie haben bis Freitag Zeit, den Zeitplan zu synchronisieren.“
Ich dachte an das neue Mediacenter, das ich leicht angetrunken am Wochenende bei CLR bestellt hatte. Ich dachte an den Unterhalt für meine Ex-Frau und an all die verzweifelten Menschen, die ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit sah. Ich stand gerade einen Millimeter vor der Grenze zu einem Leben, das ich unter allen Umständen vermeiden wollte.
Mein erster Impuls war, „Die Drohnen sind Scheiße!“ zu Antworten
Die Drohnen waren Scheiße. Wer alles vom billigsten Hersteller kauft, bekommt auch nur Schrott, der ständig ausfällt.
Ich sah über Zalakis Glatze hinweg durch ein großes Glasfenster am Ende des Korridors in die Häuserschluchten der Millionenmetropole. Ich bin austauschbar. Genau wie eine dieser Drohnen. Ich wurde wütend, ballte meine Fäuste und stellte mir vor, wie ich den verdammten Speicherchip in Zalakis Visage rammte.
Piwak!, schrie meine innere Stimme plötzlich. Sag jetzt nichts Dummes. Geist über Materie, Piwak! Nur dieses eine Mal: Halt die Klappe.
„Jawohl, Sir!“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen und richtete meine Augen starr auf Zalakis polierte Glatze.
„Gut, Piwak“, sagte Dr. Zalakis, sichtlich überrascht von meinem plötzlichen Gehorsam. Er drehte sich um und rief im Weggehen noch einmal laut über die Schulter: „Freitag, Piwak! Es wird keine weitere Unterredung geben!“
Mein Rücken brachte mich jetzt schon um; der bequeme Sessel im Kontrollcenter hatte meine Wirbelsäule im Lauf der Jahre in Marshmallows verwandelt, und die Montage-Shuttles waren nicht gerade Raumwunder. „Typisch Montag“, fluchte ich auf dem Weg in die Umkleide, um mir einen Overall anzuziehen.
Der Job erforderte höchste Konzentration und Nerven aus Stahl, besonders wenn man wie heute an einem der beiden Türme eines mysteriösen Instituts arbeitete.
Das Pi-Research-Institut, eine Tochtergesellschaft des Omni-Power-Konsortiums, dem größten Energiekonzern des Planeten, baute im Industriepark von Veron zwei 900 Meter hohe Türme, vollgestopft mit modernster Quantentechnologie und Tausenden Laboratorien.
Drei Jahre war ich schon Teil dieses Projekts, doch über die wahren Forschungsaufträge meines Auftraggebers wusste ich kaum mehr, als dass im Inneren der Türme an den fundamentalen Gesetzen des Universums geforscht wurde. Der Südturm war bereits in Betrieb, ein Koloss aus Glas und Stahl, der sich in den Himmel bohrte und dessen Spitze im giftigen Dunst der Megacity verschwand.
Es war ein Tag wie viele andere, geprägt vom monotonen Dröhnen des Shuttles und dem fernen Lärm der Stadt, als das Undenkbare geschah.
Ein gleißender Blitz, fast geräuschlos, zerriss die Luft. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie in Zeitlupe der fertige Turm, an dem wir so lange gearbeitet hatten, in sich zusammenfiel. Die Explosion wirkte seltsam gedämpft, fast unwirklich, doch die Trümmerwolke, die sich wie ein gefräßiges Ungeheuer ausbreitete, war nur allzu real.
Aus der klaffenden Wunde des zerstörten Gebäudes schoss ein gebündelter, grünlich-blauer Lichtstrahl, der sich fächerförmig ausdehnte, direkt auf mein Shuttle zu.
Ein Reflex, eine letzte verzweifelte Handlung: Ich versuchte, den Gravitationskern abzuschalten, um schnell an Höhe zu verlieren und dem unheilvollen Licht zu entkommen, doch der Blitz hatte mich offenbar dennoch erwischt.
Plötzlich verschwand die Umgebung. Irrlichter flackerten durch die Frontscheibe des Shuttles und flogen wie geisterhafte Schemen durch mich hindurch. Wortfetzen eines Kollegen, der panisch etwas in den Bordfunk schrie. Das Shuttle geriet in heftige Rotation. So fest ich konnte, krallte ich mich an meinen Sicherheitsgurt. Alles geschah in Sekundenbruchteilen.
Konzentriere dich, Piwak, das hast du tausendmal geübt, hallte es in meinem Kopf.
Ich riss die Arme nach vorn, doch die Konsole vor mir wurde plötzlich durchsichtig und schmolz wie dünnes Eis im Sonnenlicht aus meiner Realität.
Panik schoss in mir hoch. „Wo ist der verdammte Schildgenerator!?“ Dann gingen die Lichter aus.
Als ich wieder zu mir kam, war nur Dunkelheit. Schwerelosigkeit. Ein Geschmack von Zitrone. Ein Gedanke: Tod. Das muss der Tod sein. Kein Zeitgefühl, kein Licht. Das Shuttle war verschwunden. Nur eine lautlose, tiefschwarze Leere umgab mich. Eine Ewigkeit lang. Doch bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte, spürte ich einen dumpfen Aufschlag, gefolgt von einem Lichtblitz, der augenblicklich die Welt um mich zurückbrachte.
Wo eben noch Hochhäuser, Luftverkehr und Werbedrohnen hätten sein müssen, erstreckte sich nun eine endlose Wüste. Felsen, Sand, Bergketten am Horizont. Gelblichgrauer Boden, der in der flirrenden Hitze zitterte.
Langsam löste sich mein verkrampfter Griff. Der Sicherheitsgurt surrte und gab mich frei. Ich sah mich um. Keine Gebäude. Kein Kondensstreifen am Himmel. Kein Hinweis auf Zivilisation.
Doch etwas stimmte nicht. Es war nicht die fremde Landschaft oder der Unfall. Etwas anderes. Etwas, das fehlte, das ich aber erst jetzt bemerkte. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Es war nicht der Absturz, der mir Angst machte oder die fremde Umgebung. Es war diese unheimliche Stille, die durch die Titanhülle des Shuttles ins Innere drang und mich erschaudern ließ. Dieses „Geräusch“ hatte ich noch nie gehört. In meiner Welt gab es keine geräuschlosen Orte mehr. Nirgendwo.
Ich lehnte mich zurück. Ganz ruhig, Piwak. Wir leben. Das ist das Wichtigste. Ich redete in solchen Momenten gern in der dritten Person mit mir. Das gab mir das Gefühl von Kontrolle.
Mein Shuttle, ein Wunderwerk der Technik, lag mitten in einer unwirklichen Wüste, unversehrt, aber gestrandet.
Wo war ich? Hatte die Explosion im Südturm Veron-City ausgelöscht? Die komplette Stadt? Eine derart vollständige Zerstörung war unmöglich. Dagegen sprach auch, dass ich selbst noch am Leben war.
Umgeben vom Nichts starrte ich auf den leeren Bildschirm vor mir und schaltete die Stromversorgung ein. Ein leises Surren beim Hochfahren des Computers durchschnitt die Ruhe. Vielleicht weiß der Computer mehr?
„Computer, Diagnose.“
Die Stimme des Bordcomputers erklang so gelassen wie eh und je.
„Strukturschäden: keine. Gravitationskern: stabil. Fusionsreaktor: stabil. Satellitennavigation: kein Signal. Troposphärenkopplung: kein Signal. Bodenkommunikationsnetz: kein Signal. Position: unbekannt. Sicherheitshinweis: Oberflächentemperatur: 56 Grad Celsius. Schutzmaßnahmen empfohlen.“
Die Navigationsinstrumente spuckten nur Fehlermeldungen aus. Ich runzelte die Stirn. Kein Signal auf allen Netzen... das ist unmöglich. Der Computer muss sich irren. Vielleicht hat das Shuttle doch etwas abbekommen.
Es blieb nur noch mein Handy, es hatte einen Quanten-Uplink und befand sich im Heckabteil des Shuttles, in meinem Rucksack.
Ich musste raus. Aber kann ich hier überhaupt atmen?
Ich tippte hastig auf der Konsole, um eine Drohne zu starten. „Zeig mir die Umweltdaten“, flüsterte ich und sah durch die Dachscheibe nach oben, wie sich das Fluggerät mit einem leisen Surren rasch in den gleißenden Himmel entfernte.
Das kann dauern. Ich lehnte mich zurück. Ich spürte nur ein leichtes, rhythmisches Brummen des Fusionsreaktors. Und diese unheimliche Ruhe machte jede Sekunde zu einer Ewigkeit. Dann kamen endlich die Daten der Sonde rein.
Listen von atmosphärischen Zahlen und Maßeinheiten, die ich nicht kannte, nach Flughöhe der Sonde sortiert, türmten sich auf den Bildschirmen auf.
Mein Kopf dröhnte. Genervt wischte ich die bunten Tabellen zur Seite.
„Computer: Analysiere die Luft außerhalb. Ist die Atmosphäre atembar?“ Ich hatte schließlich keinen Raumanzug dabei.
Drei Sekunden später meldete der Computer gelangweilt:
„Analyse abgeschlossen. Stickstoff: 77 Prozent. Sauerstoff: 22 Prozent. Spurengase: weniger als 1 Prozent. Atmosphärischer Druck: 1013 Hektopascal. Luftzusammensetzung: Atembar. Keine Toxine. Keine messbaren Industrieaerosole.“
Panisch kletterte ich aus dem Gleiter, glühend heiße Luft schlug mir entgegen. Geblendet von der Sonne, hangelte ich mich an der aufgeheizten Titanhülle entlang zum Heckabteil. Zum Glück hatte ich das Handy heute mit zur Arbeit genommen. Hastig schaltete ich es ein. Nichts. Kein Netz. „No service available.“
Meine Hände zitterten. Eine Hitzewelle überrollte mich, gefolgt von einer lähmenden Angst.
Wenn das hier die Erde war, warum schwieg dann der gesamte Planet? Und wenn der Quanten-Blitz mich auf eine fremde Welt am Ende der Galaxie geschleudert hatte? Mein Shuttle wurde für die Montage von Hochhausfassaden konstruiert und nicht für interstellare Reisen.
Piwak Wallpaper
Drei Szenen-Wallpaper aus der Welt von Piwak – für Deutsch und Englisch identisch verwendbar.