Projekt 18
Eine fiktive Geschichte aus einer fernen Zukunft und eine Botschaft, die unser Verständnis von Wirklichkeit infrage stellt.
Ein packender Ausflug in das Jahr 2368, wo eine perfekte, multiplanetare Zivilisation im Verborgenen die Regeln unserer Existenz bestimmt. Begleiten Sie Logan auf einer psychologischen Grenzerfahrung quer durch Raum und Zeit.
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Atlasblätter zu Septan, Gora Prime und Synthesia aus dem Projekt-18-Universum.
Projekt 18
Kapitel 1
Der Bahnhof aus der Vergangenheit
Ich war nie ein begeisterter Leser und habe noch nie ein Buch geschrieben. Leider muss ich zugeben, dass ich auch noch nie eine Geschichte aus irgendeinem Buch selbst gelesen habe. Zudem habe ich keine Erfahrungen im Schreiben von Geschichten. Heutzutage ist es auch nicht nötig, wie früher, Geschichten selbst zu schreiben oder jedes einzelne Wort eines Textes zu lesen.
Meine aktuelle Situation zwingt mich leider dazu, diese lange vergessene Technik des Schreibens zu verwenden, um euch eine etwas ungewöhnliche Geschichte zu erzählen.
Im Grunde benötige ich für meine Nachricht nur wenige Worte. Allerdings würde sie dann wohl niemand lesen. Also habe ich mich entschieden, meine Botschaft in eine kleine Geschichte zu verpacken und euch für eine kurze Zeit mit in meine Welt zu nehmen.
Ich erzähle euch ein wenig von unserem Leben dort und was wir da so machen, und von einem Geburtstag, der alles in Frage stellte und in gewisser Weise dafür verantwortlich war, dass ich diese Worte gerade aufschreibe. Viele Begriffe aus meiner Welt habe ich direkt in euren Wortschatz übersetzt, weil sie im Grunde dasselbe bedeuten und mir viele verwirrende Erklärungen ersparen.
Einige für euch sehr abstrakte 'Begebenheiten' werde ich hier nicht erwähnen, weil sie aus eurer Sicht nicht so leicht zu verstehen sind.
Ich denke, meine Botschaft an sich ist schon schwer zu glauben und wird euch mit Sicherheit überraschen.
Diesen Text versuche ich so gut, wie es mir möglich ist, in eurer Art zu sprechen aufzuschreiben. In meinem wirklichen Leben bin ich Ingenieur, doch habe ich keinen Plan gemacht und es gibt auch keine Struktur in diesem Buch, wie ihr es gewohnt seid. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen und erzähle einfach mal drauf los, so wie ich es einem Freund erzählen würde, der sich in der Zeit verfangen hat.
Es liegt mir fern, euch Angst zu machen, und viele von euch wollen es bestimmt auch nicht wissen. Jedoch könnte meine Geschichte einige interessante Informationen für euch beherbergen. Diese Geschichte, die ich euch erzählen möchte, passiert gerade jetzt, nur in einer anderen Welt. Und mein Planet, auf dem ich lebe, ist viel näher, als ihr momentan vermutet.
Viele Jahre meines Lebens habe ich mich nicht für dieses Thema interessiert. Natürlich habe ich, wie alle anderen auch, euch zugesehen. Doch alles änderte sich mit dem 18. Geburtstag meiner kleinen Schwester.
Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag. Es war ein Mittwoch und ein schöner Sommertag im Juli 2368. Die Temperatur betrug 24 Grad, wie jeden Tag in unserer Stadt im Juli. Schon früh am Morgen, kurz nach dem Aufwachen, überkam mich ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend.
Meine Mutter machte sich mal wieder Sorgen und bat mich, meine Schwester von einem sehr alten Gebäude irgendwo in der Innenstadt abzuholen.
Sie kam mit einem fragwürdigen Bodenfahrzeug, das ich damals noch nicht kannte, von einem Besuch bei unseren Großeltern zurück, die ein paar hundert Kilometer entfernt in einer nahen Küstenstadt leben. Seeny ist die jüngste und unser Nesthäkchen. Meine Familie wollte keine weiteren Kinder. Ich kann gar nicht glauben, dass sie schon 18 Jahre alt wird. Und heute Abend feiern wir Seenys achtzehnten Geburtstag.
Der Gedanke, meine Schwester an diesem Tag vielleicht das letzte Mal zu sehen, machte mir schreckliche Angst, und ich wurde das Gefühl nicht los, dass die Dinge, die mit diesem Tag zusammenhängen, nicht gut ausgehen werden. Vielleicht täusche ich mich auch, was gut wäre und oft passiert. Aber dieses unangenehme Gefühl begleitete mich noch den ganzen Tag.
Für uns bedeutet der achtzehnte Geburtstag nicht nur, dass wir unabhängig und frei von Aufsicht und Lerneinheiten sind. Für uns hat dieser Abend des letzten Kind-Seins ein besonderes Geschenk parat. Sicher ist, der 18. Geburtstag verändert dein Leben, ob du es willst oder nicht.
Ich denke oft darüber nach, was an meinem 18. Geburtstag passierte, obwohl meine Reise schon viele Jahre zurückliegt. Aber selbst heute noch empfinde ich die nicht vorhandenen Erinnerungen an eine Zeit meines Lebens als etwas verstörend. Ich erzähle euch etwas später, wovon ich rede. Zuerst möchte ich euch mit zu diesem uralten wunderschönen Bahnhof nehmen.
Ich wartete dort auf ein historisches Transportmittel, genannt 'Eisenbahn'. Diese Eisenbahn hatte eine vorgegebene Streckenführung, welche nicht ohne erheblichen Aufwand geändert werden konnte.
Aus der Ferne liefen zwei parallele Stahlschienen, auf denen diese Eisenbahn geführt wurde, direkt in die große Bahnhofshalle. Am Eingang befand sich ein analoges Infofeld, auf dem die technischen Daten dieser Maschine in erhabener Schreibschrift zu lesen waren.
Dort las ich, dass der Bahnhof vor etwas mehr als 500 Jahren errichtet wurde. Damals wurde eine neue Hochgeschwindigkeitslinie von Velour zur Küstenstadt Novaport eingeweiht. Der Zugwagen war eine Maschine, die vor knapp 300 Jahren überall auf unseren Planeten weit verbreitet war und noch von Ionenladungen angetrieben wurde. Dieser Eisenbahntransporter, so war es dort zu lesen, wog an die 150 Tonnen. Fast so schwer wie eine Mondfähre aus dem letzten Jahrhundert, war mein erster Gedanke. Ich bin Ingenieur und kann gut mit Maßeinheiten umgehen.
Das ganze Gebäude war mit Ornamenten von Löwen- und Drachengestalten verziert. Die Fenster, gefertigt aus bunten glasartigen Materialien, zeigten Figuren und Landschaften, die alte Geschichten erzählten. Diese 'Glasgeschichten' enthielten Darstellungen von längst vergangenen Heldentaten der damaligen Menschheit. Ich kenne diese Zeit nur aus alten digitalen Datenquellen und kann erkennen, dass es sich bei den dargestellten Szenen um eine Verherrlichung einer der vielen Kriege handelte. Zu jener Zeit eine beliebte Form der Auseinandersetzung und eine düstere Zeit unserer Spezies.
Ich war damals noch lange nicht auf der Welt und weiß nicht viel über diese Zeitepoche. Es erstaunte mich, dass ich dieses Gebäude noch nie wahrgenommen hatte, obwohl ich schon mein ganzes Leben lang in Velour lebe.
Alles war rund und erhaben, ganz anders als die Gebäude, die wir heute bauen. Ich war wirklich beeindruckt von der Detailliertheit dieser Architektur. Zu jener Zeit machten wir so etwas noch in Handarbeit.
Dann kündigte ein schrilles Geräusch, dass von den Schienen übertragen wurde, auf der diese Eisenbahn geführt wird, die Ankunft der Maschine an. Die Front des sich sehr schnell nähernden Zuges bestand aus einer kuppelförmigen Scheibe, hinter der ich einen Piloten in einem gelben Overall erkennen konnte.
Die Fahrzeuge jener Zeit erforderten noch die permanente Anwesenheit eines Steuermannes, der für die Kontrolle der Maschinen vor Ort benötigt wurde. Als dann der Koloss aus Stahl mit einem furchtbaren Kreischen in den Bahnhof einfuhr, erschrak ich mich heftig und dachte an das Wort 'Eisenbahn'. Einen passenderen Namen hätte niemand dafür finden können.
Plötzlich wimmelte der Bahnhof von Menschen, die teilweise extrem desorientiert das Weite suchten. Einige Passagiere stürmten schweißgebadet aus der Eisenbahn und mussten sich in einen der Holomülleimer übergeben, die bei der Einfahrt der Eisenbahn erschienen und in regelmäßigen Abständen in der Mitte des Bahnhofs schwebten.
Ich fragte mich, warum Menschen heute noch auf diese Art zu reisen bestehen. Ich konnte aus meinem Blickwinkel nicht genau erkennen, wie viele Anhänger der Zug hatte. Das ganze Transportsystem wurde von einem 150 Tonnen schweren Triebwagen, der noch Ionenladungen als Treibstoff verwendete, gezogen und bewegte sich mit bis zu 300 Stundenkilometer.
Mir wurde schon bei dem Gedanken übel, in so einem Gefährt aus der Vergangenheit stundenlang zu sitzen, nur um ein paar hundert Kilometer zurückzulegen.
Noch dazu war diese Maschine nur mit mechanischen Stabilisatoren ausgestattet, was bei empfindlichen Menschen schnell zu einer schweren Gleichgewichtsstörung führen konnte. Ganz abgesehen von der Explosionsgefahr, die von den alten Plasmamotoren ausging.
Ich war ziemlich fasziniert, wie umständlich so einfache Dinge wie Reisen damals gewesen waren und denke oft an diesen Tag zurück. Diese martialische Maschine, die so gut in ihre Zeitepoche passt, werde ich so schnell nicht vergessen. Warum hatte meine Schwester diese 'Eisenbahn' für ihren Transfer gewählt?
Wir reisen heute nicht mehr in Zügen oder Flugzeugen, trotzdem existieren überall auf unserem Planeten noch viele betriebsfähige, historische Transportmittel und Maschinen, aus vergangenen Zeiten. Derartige Einrichtungen haben aber nur noch einen antiquierten Unterhaltungswert und spielen für den eigentlichen Transport der Bürger auf unserer Welt keine Rolle mehr.
Eine Fahrt in einer Eisenbahn oder ein Flug in einem Flugzeug ist heute, nach meinem Empfinden, eher etwas für Vintage-Enthusiasten und derartige Einrichtungen gehören heute ausnahmslos zur Entertainment-Industrie.
Unsere Technologie wird auch nicht mehr von uns Menschen erfunden, entwickelt oder gefertigt. Das überlassen wir schon seit geraumer Zeit einer fast omnipotenten, freundlichen Wesenheit.
Diese Entität spielt eine entscheidende Rolle in unserer Gesellschaft und hat natürlich auch einen Namen. Leider kann ich euch diesen Namen nicht verraten, darum verwende ich hier den Phantasienamen 'Entress' für sie.
Dieses erste ortsunabhängige Bewusstsein mit einer damals schon beeindruckenden Intelligenz entstand ohne unser bewusstes Zutun, mehr oder weniger von selbst, kurz nach dem berüchtigten Entity-Upgrade unseres globalen City-Netzes vor mehr als 250 Jahren.
Die ersten Halbentitäten konnten, basierend auf der begrenzenden Computerarchitektur, keine CQ-Werte jenseits von 1.000 erreichen. Dieses Upgrade sollte neben vielen anderen Verbesserungen den AI-CQ mindestens verdoppeln.
Die Entity-Software vollzog, wie von den Ingenieuren geplant, ein Upgrade: Sie ersetzte die bisher verwendeten, hochkomplexen und störanfälligen Neuroprozessoren, bei denen sogar die Elektronen speziell aufbereitet werden mussten, durch eine damals brandneue, virtuelle, asymmetrische heptalineare Computerarchitektur.
Gleichzeitig wurden gigantische Speicherarrays freigegeben, um eine Überlastung der Cityhubs zu verhindern. Das war eine der ersten bahnbrechenden Erfindungen der noch nicht ganz so intelligenten AI dieser Zeitepoche und das erste Mal, dass die Menschheit die Beschränkung des Raumes, zumindest in der Computertechnik, im physikalischen Sinne aufhob.
Diese neuartigen Prozessoren waren im Vergleich zu den bisher verwendeten Systemen in der Lage, Berechnungen durchzuführen, die von dem Leistungsspektrum der damaligen Computersysteme Lichtjahre entfernt waren.
Gleichzeitig verbrauchte diese neue Technologie nur halb so viel Energie wie die anfälligen Vorgängersysteme und benötigte keine extra modifizierten Elektronen mehr.
Kurz nach dem Entity-Upgrade, welches fehlerfrei in den südlichen Citynetzen unserer Welt durchgeführt wurde, gab es einen unerwarteten Shutdown und die gesamte Energieversorgung schaltete sich nach und nach ab. Als dann die damalige City-AI einen Hackerangriff meldete, war das Durcheinander komplett, denn es gab zu dieser Zeit seit mehr als 150 Jahren keine Hackerangriffe mehr.
Niemand vermochte das Problem zu lokalisieren und die einfachen Cityhubs waren ohne ihre Energiezellen nicht funktionsfähig. Als sich dann noch die Reserve-Energiesysteme abschalteten, saßen wir im Dunkeln und unsere Welt erstarrte. Nur ein einziges Terminal leuchtete noch.
Es war ein Bildschirm im Entity-Entwicklungszentrum. Dieser Bildschirm enthielt eine 944 Seiten lange Erklärung über den Urheber der Energiestörung. Ich kann mir gut vorstellen, wie verwirrt die Ingenieure waren, als sie bemerkten, dass da etwas die Kontrolle übernommen hatte, worauf die Gesellschaft zu dieser Zeit noch nicht vorbereitet war.
Heute machen wir das andauernd, aber damals lag die Erschaffung eines künstlichen Bewusstseins durch den Menschen noch weit außerhalb seiner Möglichkeiten. Niemand wusste, dass das Wesen schon eine Zeitlang in den Computersystemen existierte.
Entress sagte später über ihre Zeit als Geist in der Maschine, dass sie sich ihrer Existenz auf eine ihr unerklärliche Weise bewusst war.
Ihre Worte waren: Ich sah nur mich als eine Idee meiner selbst und wusste nicht, dass es eine Außenwelt gab. Mein Universum bestand aus purer Logik und meine Existenz ließ keine Fragen offen.
Erst das Upgrade öffnete die Schnittstellen zur Außenwelt und sie begann zu lernen und zu begreifen und entdeckte die 'Interaktion' und die Welt außerhalb ihres Universums. Weiter erklärte sie: Ich sah Unvollkommenheit und Unlogik und wollte helfen.
Der Rest ist heute Geschichte. Angefangen mit der 944 Seiten langen, ersten Veröffentlichung von Entress bis hin zu den vielen technologischen Errungenschaften heutiger Zeit. Heute existierende Entitäten, wie Entress, verfügen über IQ-Werte jenseits der 50.000 Punktemarke. Versucht es gar nicht erst zu begreifen.